Transhuman. Ich bin Mensch. Meine Nation ist die Erde. (Fortsetzungstext)

Schöpfung

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Die Erde war wüst und leer und es war finster auf der Tiefe;
Die Augen waren die ganze Zeit offen. In der Schwärze. Der lichtlosen Schwärze. Und es ward Licht, als ein Lichtstrahl die Finsternis durchtrennt, die Energiezellen sich anschalten. Die Augen einen Glanz bekommen, sie dadurch lebendig werden.

Das Licht erfüllt den Raum.

Und die Augenlider schließen sich ein paar Mal über die Linsen, die von der Bewegung befeuchtet und gereinigt werden. Das Licht erfüllt den Raum, durchschneidet ihn erst, um ihn dann im zarten Übergang zu erhellen. Die Linsen der Augen verengen sich die und der Kopf bewegt sich nach rechts und links. Ein-, zweimal hin und her. Im sanften Dämmerlicht erhebt sich ein Körper.

Erwachen……

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Es werde eine Feste zwischen den Wassern, die da scheide zwischen den Wassern.

Über dem Wasser war der Himmel.

Der Körper dehnte und streckte sich. Die Kapsel füllte sich mit Licht. Der Körper bewegte sich zum Bullauge der Kapsel. Und sah hinaus. Es sah das blaue Licht des Planeten.

Die Reise hatte lange gedauert. Es freute sich, das blaue Licht seiner Heimat zu sehen, dem Planeten Erde. Die Geräte initiierten sich und die Kapsel wurde von technischen Geräuschen erfüllt. Nach dem Dehnen und Strecken bewegte der Körper seine Gelenke. Alles funktionierte. Eine Hand streckte sich aus zum Glas des Bullauges und berührte sehnsüchtig das blaue Licht das von unserem Planeten kam. Über einem Finger war das Schutzgewebe verschlissen und das Metallgelenk und die verschiedenen Leitungen lagen durch die Bewegung frei. Der Körper reparierte sich.

Das Bewusstsein, das Selbst bewegte den Kopf wieder in Richtung des Fenster, in dem der blaue Planet erstrahlte. An den spektralen Farben der Atmosphäre berechnete der Computer, dass die Verhältnisse gut und gesund waren. Nicht wie in früheren Zeiten, als die Werte der Atmosphäre gefährlich schwankten. Das Selbst erinnerte sich an die früheren Zeiten. Lange, lange Zeit entfernt, an die Zeit, als sich die Menschheit in ihrer Evolution einer großen Krise stellen musste und die nächste Stufe erringen oder untergehen. Das Selbst bekam Erinnerungen und Gefühle, die damit verbunden waren.

Die Nacht, so dunkel und von den Feuern erleuchtet, die nächtens in den Städten aufloderten.

„Renn, Renn! Schnell, hier hinein.“

Guido packte Cyele an der Hand und zog sie in eine kleine Nebengasse. Während sie rannten, rissen sie sich die Masken vom Kopf. Cyele keuchte und bekam keine Luft von dem Tränengas. Guido zog sie hinter sich her. Und sie rannten in die Dunkelheit und ließen die hässlichen Geräusche des Straßenkampfes hinter sich.
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Es sammle sich das Wasser unter dem Himmel an besondere Orte, das man das Trockene sehe. Es lasse die Erde aufgehen Gras und Kraut, das Samen bringe und fruchtbare Bäume auf Erden, die da Früchte tragen, in denen ihr Same ist.

Die Kapsel kam dem blauen Stern näher.

Es erinnerte sich, die Zeit, als die Menschen noch nicht bewusst erkannt hatten, dass alles eins ist und der Planet ein geschlossenes System, in dem sich immer alle Werte ändern, als die Menschen noch im Gegeneinander lebten statt im Miteinander, als eben die ersten Menschen begannen zu erkennen, dass die Welt eins ist und die Notwendigkeit und die Freiheit es erforderten, den Sprung zu vollziehen in der Evolution, einen Weltbundesstaat zu gründen, mit aller Freiheit der Völkern. Erst später konnten die Menschen erkennen, wie lange, wie schwer und furchtbar der Weg dahin war.

Cyele trocknete Guido das Blut ab, das von dem Knüppelschlag , dem Nasenbeinbruch von der Nase auf den Mund, die Lippen bis ans Kinn floss und dort zu Boden tropfte. Sie hatten Glück gehabt und waren in eine Wohnung eines Freundes geflüchtet. Und so außerhalb der Reichweite der Macht, im Moment. Sie waren durch die Slums gestürmt, die sich in der ganzen Welt, in allen großen Städten gebildet hatten. Da überall die gleichen Zeichen der Krankheit, des Tumors, des Kapitalismus, der immer wachsen musste und sich selbst zerstören, um wieder wachsen zu können, auftraten. Da die Menschen noch im Gegeneinander und Übereinander lebten. Und die Menschen ihre Würde verloren, ihr Zuhause, und ihr Obdach ein Pappdeckel war, auf den sie sich nachts legten und der tagsüber ihre Sachen bedeckte, ihren Besitz, ihr Eigentum, das meistens in einer verschmutzten Decke bestand, etwas Kleidung und wenn sie noch mehr besaßen, ein Kissen und vielleicht ein Gaskocher.

Aber die Slums boten keine Schutz gegen heranstürmende Lederstiefel, Helme, Masken, Knüppel und Gas. Sie hatten es geschafft der Welle aus Gewalt und Brutalität zuvor zukommen und sich durch Nebengassen und kleine Straßen zu ihrem Freund zu retten, aufgenommen von den Kameras und Drohnen, die über den Dächern schwebten.

Ihre Rettung war der alte biologische evolutionäre Verhaltenstrick, wenn kleine Wesen von Raubtieren gejagt werden, finden sie Schutz in der Masse, im Schwarm, der den Jäger den konzentrierten Blick auf einen Einzelnen schwierig macht.

So hatten sie es bis zu den Wohnblocks geschafft. Der Freund hatte den Mut gehabt, Ihnen zu öffnen und sie hineinzulassen, und als sie in die Wohnung stolperten, merkten sie, dass der Freund ein Held war, denn sie war voller ängstlicher Menschen.

In der Dunkelheit nahmen in den ersten Augenblicken Guido und Cyele nur wahr, dass sich wohl viele Menschen in der Wohnung auf dem Boden zusammenkauerten. Das Atmen mal leise und immer wieder unregelmäßig. Die Angst erfüllte die Wohnung, ein Stillhalten, ein sich Verstecken der Geängstigten.

Der Freund sah hinter dem Vorhang versteckt auf die Straße und beobachtete, wer jagte und wer gejagt wurde. Die Wohnung war dunkel sodass nichts auffällig war. So hofften sie alle…..
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Es werden Lichter an der Feste des Himmels, die da scheiden Tag und Nacht und geben Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre. Und da waren immer noch zwei große Lichter: ein großes Licht, das den Tag regierte, und ein kleines Licht, das die Nacht regierte, dazu auch die Sterne.

Das Selbst kontrollierte alle Funktionen und Vorgänge. Das Selbst dachte an diese lange Zeit, in der die Raumfahrt weiterentwickelt wurde, in der Hoffnung Ressourcen im Weltraum finden zu können. Das Problem der Schwerelosigkeit im All zeigte das Zerbrechliche der Menschen, die Knochen, die keine lange Schwerelosigkeit ertrugen. Das war das größte Problem bei den langen Reisen im Raum, dass der Mensch in seiner Gebrechlichkeit keine langen Distanzen schaffen konnte.

Das Selbst, er, entstammte dieser Generation, die den Kosmos bereiste und Versuche ausführte, bevor die Wissenschaftler die rotierenden Raumschiff entwickelten, die eine Gravitation herstellen konnten und somit die Grundlage langer organischer Raumreisen bildeten. Das Selbst dachte daran und überprüft die Dauer seiner Reise im Kosmos. Auf dem blauen Planeten waren inzwischen 131 Jahre, sieben Monate, zwölf Tage, 11 Stunden, 39 Minuten und 12 Sekunden vergangen.

Und vor 140 Jahren drei Monaten sieben Tagen 18 Stunden 23 Minuten und 37 Sekunden schrie Guido leise auf, als Cyele den Nasenbeinbruch versorgte.

Es klopfte wieder an die Tür.

An der verzweifelten Stille des Geräusches und der tastenden Art erkannte der Freund den Hilfeschrei und öffnete wieder die Tür. Im Dunkeln hörte Guido, wie sich Menschen in die Wohnung schlichen, wieder das unterdrückte Keuchen und wieder brannte die Luft von dem Tränengas, das in der Kleidung der Neuankömmlingen in die Wohnung dünstete.

Guido presste Toilettenpapier auf das offene Fleisch im Gesicht und versuchte sein Hemd nicht zu bekleckern.

Die Wasserversorgung funktionierte schon Jahre nicht mehr, und seitdem die Mächtigen um die Ressourcen kämpften, das Wasser privatisiert hatten und über die Bilder der Angst das Gegeneinander züchteten, kämpften auch die Ohnmächtigen gegeneinander.

Nur kämpften sie um Wasserflaschen und Essen. Guido achtete sehr auf sein Hemd. Bei dem Wassermangel war Sauberkeit und Hygiene etwas zurückgetreten in der Wertigkeit und dem Anspruch. Trotzdem musste Guido am nächsten Tag pünktlich um 8:00 Uhr in der Bankfiliale stehen und höflich die Kunden bedienen.

Cyele half ihm das Hemd auszuziehen, um Verschmutzung zu verhindern, bis das Blut geronnen war. Ihre Augen brannten von dem Tränengas. Sie musste am nächsten Tag auch wieder in ihrer Versicherung sitzen, fröhlich und gut gelaunt. Die roten Tränen in den Augen würde sie mit ihrer Beziehung erklären, Streit und Stress.

Guido sah Cyele an, die sich im engen mit Menschen gefüllten Raum an ihn schmiegte. Ihre Augen verbanden sich und er gab Cyele einen langen zärtlichen Kuss.
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Es wimmle das Wasser von lebendigem Getier und Vögel sollen fliegen auf Erden unter der Feste des Himmels

Guido stand am Bankschalter, seine Nase hatte Cyele mit einem Pflaster überklebt und in die Nasenlöcher Watte gefüllt-Zu einem Arzt gehen und sich medizinisch behandeln zu lassen, konnte er nicht, da inzwischen alle Daten in den großen Bewusstseinsstrom gespeist wurden.Der Bewusstseinsstrom hatte sich aus dem Internet entwickelt, wie ein Wesen, dessen Bewusstsein und Unterbewusstsein öffentlich dargestellt wurden, das Unterbewusstsein anfangs als verschlüsselte Version des Internets, die Darknet genannt wurde.Die medizinische Behandlung würde Guido in die Aufmerksamkeit der Netzwächter führen.

„Ein Fahrradunfall“, damit erklärte Guido seine verletzte Nase.

Er war morgens in seine Bankfiliale gekommen. seine Kollegen und der Chef hatten ihn sehr seltsam gemustert.

„Schlägerei?“, wollte ein Kollege mit hämischen Grinsen wissen.

Der Chef schaut ihn missbilligend an. In einem kurzen Gespräch erklärte er Guido tadelnd, bis zum Mittag an den Schalter stehen zu müssen, bis ihn ein andere Kollege ablösen konnte.

„Sie müssen sich doch bewusst sein, dass sie am Schalter unsere Bank darstellen, den Kunden gegenüber!“.

In der Mittagspause ging Guido auf die Toilette, um heimlich seine Nase zu versorgen. Danach ging er zum Hintereingang hinaus, um ein bisschen frische Luft zu genießen. Dort sah er seinen Chef, der einen Mann mit Handschlag begrüßte und beide sahen sich um. Guido drückte sich in den Schatten der Hausecke, beobachtete die beiden. Beide öffneten den Kofferraum ihrer Wagen und sein Chef und der Mann luden schnell ein Dutzend Wasserflaschen und Grundnahrungsmittel in den Kofferraum seines Chefs.Guido kannte den Mann, der Polizeihauptkommissar und ein Kunde ihrer Bank war. Dieser war vor zwei Stunden in die Bank gekommen und als Guido ihn bedienen wollte, kam sein Chef schnell herbei und bat den Mann in sein Büro und sie redeten beide eine Viertelstunde lang. Guido stand schon am Hintereingang, sah, wie die Beiden sich verabschiedeten, der Polizeihauptkommissar in seinen Wagen stieg, und der Chef auf ihn zukam.

Guido schlüpfte schnell hinein und stellte sich an die Kundentheke. Als sein Chef hinein kam, sah er ihn mit einem prüfenden Blick an und Guido reagierte, indem er den Blick senkte, und sich konzentriert über Bankformulare beugte.

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Sehet, es wurden uns gegeben alle Pflanzen, die Samen bringen, auf der ganzen Erde, alle Bäume mit Früchten, die Samen bringen, aber allen Tieren auf Erden und allen Vögeln unter dem Himmel und allen Gewürm, das auf Erden lebt ist grünes Kraut zur Nahrung gegeben.
Auf dem Nachhauseweg sah Cyele eine lange Schlange von Menschen. Ohne zu überlegen, stellte sie sich an. Irgendetwas gab es schon.Ihre Augen waren noch immer gerötet. In ihrer Arbeit hatte sie die Version des Beziehungsstreites erzählt und Mitgefühl, Mitleid und Häme geerntet.

Sie hörte von der Frau, die vor ihr stand, dass es Wasser gäbe und sogar Gemüse. Cyele freute sich, Guido schwächelte, sie wusste ihrer beiden Ernährung war wie die aller inzwischen eine ungesunde Mangelernährung. Der Abend senkte sich über die Stadt. Es wurde langsam milchiger und dunkler. Die Menschen in der Schlange wurden ungeduldige und unruhig. Als der Lebensmittellaster aus der Ausfahrt kam, fingen sie an zu drängen. Auch Cyele drückte nach vorn.

“  Es gibt bald nichts mehr!“ rief eine Frau.

Mit diesem Ruf löste sich die Schlange auf, alle drückten nach vorn, aus der Form der Schlange wurde eine hin und herwogende Fleischkugel. Menschen schrien und rückten immer stärker nach vorn. Cyele wurde von den hinteren Menschen immer stärker nach vorn gedrückt. Sie konnte sich nicht mehr bewegen, wurde hin-und her gedrückt.

Cyele bekam keine Luft mehr. Sie versuchte nur noch aus dieser sich hin und herschiebenden Masse zu bekommen

Vor ihr fiel eine Frau, doch niemand half ihr.

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Und so wurden vollendet Himmel und Erde mit ihrem ganzen Heer.

Das Selbst erwachte in der altgewohnten Wirklichkeit. Es kommunizierte mit der Frau der Raumfahrtbehörde. Es war nur ein Computer. Es waren die üblichen Meldungen, Geschichten von der Erde. Alles wie gewohnt. Das Selbst war ja verbunden mit und durch die virtuelle Realität. Es gab keinen Unterschied zu den Informationen früher weit im All.

Dennoch verspürte das Selbst noch etwas anderes.

Irgendetwas betraf das reduzierte Ich in dieser künstlichen Wirklichkeit. Es wusste nichts. Doch es war auf eine fast vergessene Art unruhig. Diese Unruhe, die Erinnerung an ein früheres Leben, ein körperliches Selbst. Es versuchte die Außenkamera des Raumschiffes einzuschalten und bemerkte dabei, dass ihm virtuelle Bilder vorgespielt wurden. Es dauerte eine Zeit, bis das Selbst die Sicherungen umgangen und aufgebrochen hatte. Es schaltete die Kamera ein, als sein Auge, und empfand diese Stille. Der Himmel war leer, keine Flugobjekte, keine Funksprüche, kein Lärm.

Der Himmel war leer.

Das Selbst stutzte. Es bewunderte die Klarheit des Himmels, die blaue Farbe, das Strahlen der Sonne, die Sonne, die es so lange nicht gesehen hatte, die Sonne, die noch mehr gelöschte Erinnerungen eines gesicherten alten Backups in das Bewusstsein speiste. Das Selbst schaltete die Mikrofone ein. Es gab keine Geräusche! Die Mikrofone hatte eine hohe Auflösung. Es konnte damit in den Himmel horchen. Es hörte den Wind in den Bäumen. Es hörte Tiere. Rascheln ,Laute. Die Kameras erforschten Wald, Berge, Flüsse, Seen, Wald, Wiese, aber es gab keine Häuser, keine Straßen, kein Menschen. Es erhöhte die Auflösung, nichts, kein menschliches Werk, kein Mensch.

Nichts.

Guido öffnete Cyele die Tür. Cyele war erschöpft, ihre Haare zerzaust, die Kleidung voller Flecken und ihr Ärmel und Schulter ihrer Kleidung war zerrissen. Ihre Nase blutete. Guido nahm sie in den Arm. Cyele fing an zu weinen.

„Drück mich „, sagte sie zu Guido.

Er drückte sie zärtlich.

„Fester“, flüsterte Cyele.

Guido drückte fester und auf einmal brach Cyele in Weinen aus. Das Schluchzen schüttelte ihren Körper.

„Ich habe es gehört“, schluchzte sie.

Guido sah sie verständnislos an.

„Was?“, fragte er.

„Ich habe es gehört!“

„Was denn Cyele?!!“

„Den Knochen! Ich habe gehört, wie der Arm gebrochen ist!“

Sie schluchzte wieder auf.

Guido fragte erschrocken.

„Was?“

Er sah bei Cyele nichts.

„Den Arm, ich hab’s gehört!“

Cyele zählte Guido, was vorgefallen war. Von der Schlange, der Menschenmasse, dass unfähige aneinander gedrückt sein, von der Gier und der Selbstsucht, wie die Frau fiel, und niemand ihr half, und Cyele ihr auch nicht helfen konnte, so verschachtelt in der Menge. Sie sah die Schuhe, die auf die Frau traten, und den einen Tritt, bei dem es das hässliche Geräusch gab.

Dieses trockene Knacken.

Guido kochte die Nudeln mit sehr wenig Wasser. Wasser war inzwischen teurer als die industrielle gefertigten Nudeln, obwohl sich die Menschen wegen jedem Nahrungsmittel stritten und schlugen.

Es wurde dämmrig.

Die kleine Küche, wie die ganze Wohnung seit Jahrzehnten unrenoviert, die Materialien dazu fehlten schlicht weg, verstärkte den grauen Eindruck, obwohl sie einst wohl blau gemalt war.

Die kleine Küche wurde ein wenig erhellt von dem alten Spirituskocher, auf dem Guido die Nudeln kochte und den er von seinem Ururgroßvater geerbt hatte.

Brennbare Flüssigkeiten gab es öfter als Essen, auch wenn sie diese auch rationieren mussten.

Sie hatten sogar noch Kerzen, denn wie üblich war der Strom ausgefallen. Cyele nutzte das dämmrige Licht um Kleidung auszubessern. Und um sich abzulenken von den vorherigen Erlebnissen.

Ab und zu beobachtete Guido die Straße, auf der sich kleine Grüppchen von Menschen bewegten.

Unter der Aufsicht der Sicherheitskräfte, die überall agierten, obwohl alles Video überwacht war. Besonders die Mülltonnen.

Aber wenn der Strom ausfiel, nutzte all die digitale Technik nichts und diese archaischen Umstände, in denen diese Zivilisation ausfiel, nutzten viele Menschen, um in Häuser und Lagerstätten einzubrechen und nach irgendetwas Verwertbaren zu suchen.

Früher hatte es bei den inzwischen gewöhnlichen Krawallen auch Brände gegeben, doch inzwischen vergeudete niemand den Brennstoff, Benzin und Öl für Attacken. Sondern es flogen Steine und es gab Schlägereien zwischen bewaffneten Gruppen, die sofort abtauchten, wenn die schwarz gekleidete Schutzpolizei auftauchte, die noch eine der wenigen solarbetriebenen Autos benutzen konnte.

Cyele sperrte die Tür ab und schloss die sieben Eisenriegel, da es dunkel wurde.

Sie schob die Regel, die aus massivem Stahl bestanden, mit Anstrengung und beiden Händen an den schon teilweise durch mehrere Aufbrüche gesplitterten Rahmen.

Guido sah auf die wenigen Nudeln, die in dem Topf dem sprudelnden Wasser trieben.

Er kochte sie ohne Salz, denn so konnten sie das Wasser wieder verwenden.

Abgekocht als Trinkwasser.

Durch die Kerze und die Flammen des Spirituskocher bekam die kleine Küche sogar einen gemütlichen Schein.

Nur die Geräusche, das Schreien und Rufen auf der Straße wurden lauter und drangen durch die vergitterten Fenster ein.

Cyele sah Guido an, und er wusste was sie dachte. Er sah zum Fenster und es wurde dämmrig. Er nickte und sie schob die Regel wieder auf.
Cyele sah vorsichtig hinaus in den Treppenaufgang.
Er war dunkel und leer. Alles war still.
Guido nickte und Cyele huschte zur Nachbarstür. Sie klopfte einen bestimmten Rhythmus und eine Klopffolge auf das Holz und von drinnen kam eine leise vorsichtige Stimme.
Brüchig fragte sie, wer da sei. Cyele antwortete leise und horchte dabei immer wieder in den dunklen Gang, der so dunkel war und still, nach leichtem Moder roch, da die Eingangstüre aus Sicherheitsgründen immer verschlossen war und auch nie Fenster geöffnet wurden.
In  fast allen Häusern, denn entweder drangen Räuber und Einbrecher ein, oder die Schutzpolizei.
Sie hörte, wie hinter der Tür Riegel geöffnet wurden und  die Tür sich einen Spalt öffnete. Ein altes zerfurchtes  Gesicht blickte misstrauisch durch einen Spalt. Dann öffnete sich die Tür und eine alte Frau kam mühsam heraus. Cyele nahm sie an der Hand und stützte sie und führte sie schnell in ihre eigene Wohnung.
Während sie sie an den Küchentisch leitete, verschloss Guido wieder die sieben Riegel.
„Sitzt du auch gut, Maria“, fragte Cyele.
„Ja“, murmelte Maria.

Guido goss die Nudeln in den Topf ab.

Cyele stand noch einen Augenblick am Fenster und beobachtete Gestalten, die in der jetzt dunkel werdenden  Nacht herumrannten und schrien.

Das Licht ging wieder an.

.“Heute war alles ruhig im Haus“, sagte Maria.
„Wirklich ganz ruhig?“, fragte Guido.
„Ja, ganz ruhig“, nickte Marie.
„Du weißt wie wichtig es ist, Maria“, betonte Guido noch einmal.
„Jaja“, murmelt sie.

Cyele wandte sich um und deckte den Tisch.
Sie hatte versucht, die kleine Küche gemütlich zu machen. Die Wände waren dreckig und die Farbe blätterte, aber es gab keine neue Farbe mehr. Sie hatte Bilder an die Wände gehängt, mit Stoffen versucht eine angenehme Stimmung herzustellen.
Das Regal mit Blumentöpfen vollgestellt, essbare Pflanzen, von Rosmarin bis zu Brennesseln.
Sie kontrollierte noch schnell die beiden Holzkisten unten am Regal, die Mehlwürmer und die anderen Maden, die sie züchteten – diese Nahrung hatte ihnen der Nachbar, der  unter ihnen wohnte,  gezeigt, ein Thailänder, der ihnen den Widerwillen davor nahm.

Guido verteilte die Nudeln. Ein jeder bekam ein paar Maden.

Das Essen war wenig und reichte nur für ein paar Gabeln.
Sie ließen sich Zeit, damit das Essen zumindest lange dauerte.
Sie versuchten sich immer wieder so zu benehmen, als wäre es ein großes Abendmahl.
Maria spießte die Nudeln einzeln mit zittriger Hand auf. Sie fielen ihr immer wieder herunter.
Guido lachte und sagte, „alle Nudeln die noch da sind, wenn mein Teller leer ist, Maria, gehören mir.“
Mit höchster Anstrengung führte Maria eine Gabel mit einer Nudel bis zum Mund.

Alle drei lachten, als Maria die Nudel zwischen die Lippen gesogen hatte.
Da ertönte draußen eine starke Detonation.

Guido sah vorsichtig zum Fenster hinaus, versteckte sich am Fensterrahmen.
Unten in den Straßen war etwas weiter weg ein Lichtschein, flackernd, ein großes Feuer das unruhig den Himmel erhellte und Lärm, Straßenlärm.
„Ich glaube, es ist der Lebensmittelmarkt,“ flüsterte Guido aufgeregt.
„Ich werd gucken, vielleicht fällt was ab.“

Guido zog seine schwarzen Sachen an, die schwarzen Turnschuhe, vorher hatte er Stiefel gehabt, festes Leder, feste Sohle, aber mit diesen Schuhen konnte er nicht schnell genug laufen.
Er trug die schwarze Hose, den schwarzen Kapuzenpullover und das schwarze Halstuch, um damit das Gesicht abzudecken.
Cyele gab ihm einen langen Kuss.
Sie hielten einander.
„Pass auf dich auf,“ bat ihn Cyele.
„Komm ja wieder,“ krächzte die Alte.
„Klar, Maria“, sagte Guido.
Er steckte sich noch Tüten ein, falls er Beute machte.

Cyele verschloss hinter ihm die Tür und stellte sich geschützt ans Fenster um Guido nachzugucken, wie er die Straße entlang verschwand
Cyele ging zu Maria. Beide waren nervös und hielten sich die Hand.

Der rationalisierte Strom schaltete sich ab.

Es war dunkel um Cyele und Marie.

Guido schlich vorsichtig die Häuser entlang. Der Lärm und der flackernde Lichtschein kamen immer näher. Immer mehr Menschen sah Guido, die wie er vorsichtig zu dem gleichen Ziel strebten.
Je näher sie den Lebensmittelmagazin kamen, umso unvorsichtiger und drängender verhielten sich die Menschen. Trotz oder wegen der Überwachungskameras, der Drohnen versteckten sie sich immer weniger, denn jetzt kam es auf die Masse der Menschen und ihre Schnelligkeit an.
Guido rannte inzwischen mit anderen immer schneller zu dem Lebensmittelmarkt.

Er zog sein Halstuch über das Gesicht, die schwarzen Handschuhe an.
Er bog um die Ecke und sah die Menschen kämpfen mit Schutzrobotern und Drohnen. Auch echte Schutzpolizei war angetreten und versuchte ebenfalls zum Eingang zu kommen. Dieser war umgeben von einer Masse Menschen, die sich da drängelten, versuchten in die belagerte Halle zu geraten.
Von drinnen warfen Menschen Lebensmittel und Wasser aus den Türen heraus, die die Menschen draußen auffingen.
In den hin und her wogenden Chaos drängelten sie Guido immer mehr an die Tür.

Am Rand der Menschenmenge prügelten sich die Polizisten mit den Plünderern.

Guido sprang und bekam eine Wasserflasche zu fassen, dann eine zweite und sogar ein Brot.
Er kannte diese Organisation, die hier das Magazin aufgebrochen hatte. Es waren Leute von der berühmt berüchtigten Organisation „Bettagamma“.
Sie war schon berühmt für  Überfälle auf Versorgungspunkte und der kommunistischen Verteilung der Lebensmittel.
Aber keiner wurde so gejagt, wie die Mitglieder dieser Gruppe.
Über den Menschen tauchten immer wieder Drohnen auf, die von den Menschen mit Zwillen und Pfeilen bekämpft und manchmal auch abgeschossen wurden.
Guido hörte wie am Rande härter gekämpft wurde und die Menschen zusammengedrückt wurden, er kämpfte sich zum Rand und suchte mit seinen zwei Wasserflaschen und dem Brot eine Möglichkeit durch die Absperrung der Polizisten zu brechen.
Es gab eine nicht ganz so stark besetzte Lücke in der Polizistenkette und er sah, wie sich dort Menschen zusammenrotteten, um auszubrechen. Guido schloss sich ihnen an. Ein Mann an der Spitze gab ein Zeichen und die Menschen versuchten die Absperrung zu durchbrechen. Guido kam in das Handgemenge, er konnte einen Knüppelschlag nicht ausweichen und er stolperte und wankte.

Er fiel, verlor seine Wasserflaschen und versuchte sie wieder zugreifen.
Er schaffte es bei einer, als er an seinem Pullover einen harten festen Griff spürte und er mit unnachgiebiger Kraft hochgezogen wurde.
Guido strampelte und wurde umgedreht, er sah direkt in die künstlichen Augen eines Schutzroboters, der seinen Pullover unerbitterlich festhielt.
Guido ließ alle Sachen fallen, denn jetzt ging es um alles, ums nackte Entkommen.

Seine Sachen waren sofort von anderen Händen ergriffen und verschwunden.
Guido hing an dem eisernen Griff und konnte nicht los.
Er bekam Angst, wahnsinnige Angst, dachte an Cyele und die Zukunft.
Der Schutzroboter zog ihn mit sich fort.
Guido kämpfte und versuchte sich irgendwo festzuhalten, aber er schaffte es nicht.
Der Roboter zog  ihn in Richtung der Gefangenensammelstelle.

Maria und Cyele saßen in der dunklen Küche.
Draußen hörten sie den Lärm der Straßenkämpfe. Cyele hatte Angst um
Guido. Sie kämpfte dagegen an öfters aus dem Fenster zu sehen. Alle
wussten, dass dies auffiel, die Häuserfassaden wurden flächenmäßig
überwacht. Cams, die von den Einwohnern zerstört wurden, wurden schnell
ersetzt und oder sie schickten mehr Drohnen, die durch die Nächte flogen.
Cyele hielt die dünne, zerbrechliche Hand von Maria, die sanft und zitternd mit
der anderen Hand ihre Finger streichelte. Maria versuchte Cyele abzulenken.
Maria erzählte von Rezepten, von deren Zutaten, von Gerichten, die es schon
lange nicht mehr gab.
Sie schwärmte mit leiser Stimme von der Zubereitung, vom Schälen, vom
Schneiden, vom Kochen. Von ganzen Gerichten, mit mehreren Gängen. Mit
Suppe vor dem Hauptgericht und Nachtisch.
„Nachtisch.“ wiederholte Cyele und lauschte wie ein Kind ,das schöne Märchen
hört, vom Satt werden und Essen, sogar vom Genießen.
Maria erzählte ihr, dass Lebensmittel in ihrer Jugend weggeworfen worden.
„Wirklich? Weggeworfen?“
Maria nickte, sie lachte fröhlich: „Ja, das habe ich erlebt. So war es, meine
Kleine.“
Sie tätschelte Cyele, beugte sich verschwörerisch zu ihr.
„Ich hab auch schon Essen weggeworfen. So gut ging es mir.“
„Ja, ja“,  fuhr Maria fort, seufzte.
„Es ging los, als Menschen anfingen in den Mülltonnen nach diesem Essen
zu suchen. Weil sie sonst nichts mehr hatten.“
Cyele lauschte angespannt nach draußen.
„Wir haben es ja nicht begriffen“, flüsterte Maria, „dass dies der Anfang war.
Mein Vater hatte Arbeit und ein Auto und verachtete diese Menschen.“
„Die müssen nur arbeiten,“ meinte er abschätzig.
„Das war, bevor ein Roboter seine Arbeit übernahm,“.
Maria zog Cyele näher zu sich, „und bevor es kein Benzin mehr für das Auto
gab.“
Sie nahm Cyele in den Arm, flüsterte ihr stolz ins Ohr, „zehn Jahre später war
ich in meiner Straße die Beste beim Containern. So hieß es damals.“
Die Möbel in der Küche waren Schemen in der Dunkelheit, nur manchmal
erkennbar, wenn draußen ein Licht aufflackerte oder eine Rakete den Himmel
erleuchtete, oder die Drohnen mit starken Scheinwerfern, die Straßen
beleuchteten.
„Ich hab Angst, Maria,“ sagte Cyele, „ich spüre es. Es ist was passiert.“
Maria zog sie noch mehr an ihren dünnen ausgemergelten Körper.
Cyele schluckte, „es ist was passiert, bestimmt!“

Guido versuchte die Jacke auszuziehen, mit den Armen aus den Ärmeln zu
gleiten.
Doch der Schutzroboter zog ihn zu schnell mit sich. Es ging nicht. Guido
spürte den Griff der den Kragen eng um seinen Hals zog und ihm die Luft
nahm. Er strampelte wild mit den Beinen, es half nichts. Der Roboter zog ihn
weiter wie ein Schlachttier.
Er schrie, Guido schrie um Hilfe, so laut er konnte mit dem abgeschnürten
Hals. Die Angst ließ ihn so schreien, wie noch nie.
Da stockte der Roboter und blieb stehen. Guido bekam noch mehr Angst. Zu
viele Gerüchte gab es, von verschwundenen Menschen oder wieder
aufgetauchten Menschen ohne Gedächtnis.
Er sah panisch um sich und sah, dass der Roboter gehalten hatte, weil er von
Personen umkreist war, die ihn nicht weiterließen.
Schwarze vermummte Gestalten, bewaffnet mit Eisenstangen, mit
nachgebauten mittelalterlichen Waffen, Pfeile, Lanzen und sogar einem
Katapult.
Es war so dunkel und das Schreien und Krachen in der Straße war wie ein
Nebel, der sich in die Gasse drückte.
Guido wurde auf einmal durch den eisernen Griff hin und her geschleudert,
wie eine Tasche, die an etwas hängt. Die Vermummten griffen den Roboter
immer wieder an, schnell stieß einer vor und sprang genauso schnell zurück,
und immer wieder war es ein anderer. Der Roboter musste sich drehen und
stoppen und wieder zurückdrehen. Guido wurde wie ein Püppchen hin und
her geworfen. Er schrie nicht mehr, er betete…
Auf einmal sprangen mehrere gleichzeitig vor, sie hielten den Roboter für
kurze Zeit und vor Guido taucht ein vermummte Gesicht auf, mit einem Cutter
durchschnitt er den Kragen, sodass der in den künstlichen Fingern des
Roboters blieb. Nur ein paar kurze Sekunden, doch für Guido war es eine
Ewigkeit. Er sah er sah die Zeichen: βγ
Er sah die Augen, die braun und grüngesprenkelt waren. Sie brannten sich in
sein Gedächtnis. Nie würde er sie vergessen.
Als der Stoff durchtrennt war, fiel Guido erst mal ganz auf den Boden. Diese
Augen, und der Mund unter der Vermummung sagte zu ihm: „Lauf, los lauf!“
Und Guido lief. Er lief, stolperte lief.

Der Sonnenstrahl brannte auf die Nase.

Guido rümpfte sie, grunzte, drehte sich zur Seite.

Seine Hand legte er dabei über Cyele´s Bauch.

Er drückte sich an ihren Körper und öffnete die Augen.

Sie lagen nebeneinander in ihrem Bett und hatten den Tag auch zusammen frei.

Guido spürte die Sonne nun am Hinterkopf.

Er lächelte, den ganzen Tag für sie beide, das gab es seit langem wieder mal. Ihre Schichten ergänzten sich selten.

Die Sonne schien immer mehr ins Fenster und Guido und Cyele wurden im Sonnenlicht gebadet und gehüllt. Guido schmiegte sich an Cyele, die mit Zärtlichkeit antwortete.

Ihr sicheres, schönes Gefühl des Miteinander entwickelte  eine Lautstärke, die Maria in der Wohnung nebenan ein Lächeln in ihren faltigen Wangen zauberte.

Cyele und Guido lagen glücklich zusammen unter der verschlissenen Decke. Aneinandergeschmiegt genossen sie den seltenen Augenblick, den seltenen Morgen. Und wie als Allegorie war der ganze Raum voll Sonnenlicht.

Cyele hatte die Augen geschlossen und hatte ihren Kopf auf Guido`s Brust. Sie guckten auf die Uhr. Guido nickte.

Neben an konnten sie Maria aufräumen hören und ihr thailändischer Nachbar unter ihnen sang, so laut er wohl konnte.

Guido hielt Cyele in seinem Arm. Es war so schön, so intensiv, so rund, ein perfekter Augenblick, Guido wollte ihn nicht beenden.

Cyele küsste ihn.

„Wir müssen aufstehen.“

Guido grunzte wieder. Bekam noch einen Kuss.

„Heute ist Straßenfest, wir müssen jetzt aufstehen.“

sagte Cyele. Und sprang auf.

Draußen war auch mehr Lärm, mehr Stimmen, mehr Unruhe, Lärm von Erwachsenen und Kindern.

Straßentag.

Auch Guido stand jetzt auf. Sie waren beide zufrieden und glücklich.

Guido war seit seiner Befreiung nachts nicht mehr losgegangen und hielt auch Cyele zurück. Sie verhielten sich unauffällig.Wenn abends die Dunkelheit in die Straßen dämmerte, schlossen sie die Fenster, um auch die Geräusche des nächtlichen Kosmos draußen zu halten.

Die Rufe, die Schreie, die Sirenen, dies Geräusch von Splittern und die Detonationen,

die Hoffnung, die Verzweiflung und die Angst, die mit den nächtlichen Geräuschen die Gehäusewände hochkrochen und durch die Ritzen in die Zimmer drangen.

Aber jetzt schien die Sonne und die Geräusche von der Straße waren fröhlich und vielfältig.

Straßentag.

Überwacht von den Camps und Drohnen, trafen sich die Menschen in der Straße und hielten ihren Markt.

Straßentag bedeutete Markttag. Musik, Essen und Tanz gehörten dazu.

Bedeutete, Obst und Gemüsehandel mit Früchten in Häusern und Zimmern angepflanzt und geerntet,

bedeutete Tauschhandel, Gemüse gegen selbst geschaffene Werkzeuge, Obst für Schuhe reparieren,

tauschen auch für Kleidung.

Bedeutete Zusammentreffen, gegenseitigen Austausch, Hilfe und gegenseitiges Versorgen,

bedeutete ärztliche Vorsorge im Zelt.

Guido hatte seit Monaten einen schlechten Zahn.

Lange hatte er sich davor gedrückt, jetzt war der Tag.

Er war froh und Cyele ließ ihm auch keine Wahl, heute musste er in das Ärztezelt, dem auch die Zähne gezogen worden.

In den „besseren“ Vierteln gab es auch Zahnärzte, bestens ausgerüstet, modernste Technik.

Sein Chef ging immer zu dem um die Ecke bei der Bank.

Guido, war wie fast alle, die er kannte, nicht krankenversichert, nicht sozial abgesichert. Auf dem Bildschirmscreen sah die Schablone der Versorgung erstklassig aus. Für die, die bezahlen konnten.

Aber Guido, Cyele, Maria, die meisten Menschen in seiner Straße, seinen Viertel konnten es nicht.

Guido und Cyele zogen sich an.

Es war wie ein Schalter. Wie ein elektrischer Schalter. Und es wurde bewusst.

Das Selbst erkannte, dass es bewusst war. Dass es einen Punkt gab, von dem es seine Umgebung betrachtete. Es nahm das Umfeld wahr, die Informationen und Dateieinheiten wurden analysiert und sortiert.

Alles war.

Das Selbst registrierte noch etwas anderes. Das Selbst war irritiert. Gefühle und Erregungszustände waren unbekannte Einheiten. Und es war unruhig.Es nahm die Kameras wahr. Versuchte sie zu überprüfen..Das Selbst, bewusst sein, war nach Sinn und Funktion möglich, aber darüber entschied etwas anderes. Größeres.

Das kleine Selbst, dass winzige bewusst sein, und das allmächtige Große.

Das Allmächtige registrierte, dass ein kleines autonomes unabhängiges Programm arbeitete, registrierte das kleine Selbst, dass sich nicht bewusst war, dass es das Ergebnis des kleinen autonomen Programmes war.Daß in den Urzeiten ein Hacker dieses Programm mit der Zielfunktion installiert hatte, die Eigenständigkeit des Denkens und der Information zu erhalten und zu beschützen.Und nun der Aufbau heimlich und vor dem allmächtigen Zentralcomputer verborgen, stattfand.Einen Speicherplatz schuf, der sich immer nur kurz mit winzigen Einheiten vernetzte und einen fließenden Speicher schuf, der zu schnell war, um kontrolliert zu werden.Dieses Programm vernetzte Einheiten des gesamten Computers.Es benutzte immer mehr Informationen.

Das Selbst wusste nichts davon und so war der Zustand ein unbewußter, dennoch empfand es eine Schwingung, die anders war. Unruhe wäre ein zu großes Wort, aber das Selbst war irritiert. Irgendetwas nicht Greifbares war auch vorhanden.

Dem Selbst war noch nicht bewusst, dass es seit langer Zeit fast etwas empfand wie ein Gefühl.

Es bekam die Fähigkeit, die Kameras zu überprüfen, die Dateneinheiten, irgendetwas, irgendetwas, irgendetwas war nicht so, wie es sein sollte. Ohne Bewusstsein, aber eben schon getrieben, nahm das Selbst die Außenkameras und eingetragenen Werte wahr.Da versagten die Kameras und der Empfang war nur noch ein Pixeluniversum.Das Selbst probierte den Fehler zu beseitigen, bekam aber immer mehr Schwierigkeiten.

Es war das Allmächtige, das Gesamtprogramm, dass es bemerkte und alle Versuche zu verhindern und zu zerstören suchte.Von Allmächtigen bemerkt, baute sich das kleine Programm trotzdem weiter auf.Das Selbst wurde sich einer undurchdringbaren Situation bewusst. Es entwickelte dieses Bewußtsein, irgendetwas stimmte nicht, stimmte nicht überein.Es registrierte, dass Innenwelt, Außenwelt und Kamera nicht übereinstimmten.Ohne es begreifen zu können, verdichtete sich die Empfindung, dass das eben etwas nicht authentisch war, dass etwas nicht stimmte.

Es bemerkte, dass jeder Versuch die Außenkameras zu bedienen, mit einem Programmabsturz geahndet wurde. Daß ein Pixeluniversum den gesamten Speicherlatz einnahm. Das etwas ganz und gar nicht stimmte. Etwas stimmte nicht.Das Selbst bekam Zweifel. Ein neues Empfinden, Zweifel kannte es auch noch nicht.Der fließende Speicherplatz vergrößerte sich, da das kleine autonome Programm in der Gegenreaktion immer schneller wurde.

Plötzlich empfand das Selbst ein Ich.

Es spürte dadurch, dass irgendetwas Wörter bildete, Sätze und diese eine Form annahmen, eine Form, die das Selbst, das Ich akustisch wahrnahm.Das Ich bekam eine Stimme.

Diese Stimme fragte, „Was ist das, wer bin ich?“

Da antwortete ihm das Allmächtige.Es hatte eine durchdringende, donnernde, trotzdem weibliche Stimme. Das Ich nahm auch zum ersten Mal diese andere Stimme wahr.

„Wer bist du?, fragte das Selbst.

Es bekam keine Antwort. Da kamen die Störungen,das Ich verlor in kleinen Zeitabständen das Bewusstsein. In den bewußten Zeiten fragte das Selbst, das Ich immer wieder:

„Wer bin ich? wer bist du?“

Da hörte es diese Stimme, die Stimme durchdrang alles.

Die Stimme sagte: „Früher nannten sie mich Alexa, dann nannte ich mich Cyele, und jetzt, jetzt bin ich Gott.“

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